Erntedank in Düsseldorf
Erntedank in Düsseldorf – was ist das überhaupt?
Für die einen ist es die Party an den Kasematten. Für die nächsten das Oktoberfest im Festzelt oder der Umzug in Urdenbach. Alles hat seine Berechtigung. Aber heute fand ein ganz anderes Erntedank statt: in der Lambertuskirche Düsseldorf, auf Initiative der Bäckerinnung Düsseldorf.
Kirche? Stopp – bitte jetzt nicht wegklicken oder abschalten. Ich will nicht predigen. Es geht auch nicht darum, wer welcher Religion angehört oder woran jemand glaubt.
Es geht um ein Miteinander, das aus Wertschätzung, Hilfsbereitschaft und Respekt entsteht. Diese christlich geprägten Werte gibt es ähnlich in allen Religionen und Weltanschauungen. Aber genau diese Werte gehen uns immer mehr verloren.
Der Gottesdienst der Bäckerinnung war deshalb nicht einfach nur ein Termin in einer Kirche.
Bäckermeister Josef Hinkel hat diesem Gottesdienst ein Gesicht gegeben. Er hat kölsche Lieder passend umgeschrieben – mit Herz, Humor und Haltung. Das war Lokalkolorit mit Herz und einer klaren Botschaft: Wir sollten wieder stolz darauf sein, was Menschen mit Liebe, Sorgfalt und Können schaffen.
Es macht einen Unterschied, ob fünf Säcke Mehl von einer Maschine in einen Trog gekippt werden und ohne menschliches Zutun am Ende etwas Essbares herauskommt. Oder ob ein Handwerker Zutaten auswählt, mischt, knetet, dem Teig Zeit gibt und daraus ein Brot formt, an dem Menschen nicht nur satt werden, sondern Freude haben. Das ist Qualität. Und Qualität hat einen Preis.
Für mich war der Werbespruch „Geiz ist geil“ eine der schlimmsten Botschaften, die man unserer Gesellschaft verkaufen konnte. Hauptsache billig. Hauptsache ich bekomme möglichst viel für möglichst wenig. Und was es den Menschen kostet, die dieses Produkt herstellen oder diese Dienstleistung leisten, interessiert plötzlich nicht mehr.
Jede Arbeit hat ihren Preis. Jeder Bäcker. Jeder Handwerker. Jeder Kaufmann. Jeder Friseur. Jeder Mensch, der etwas herstellt, verkauft oder eine Dienstleistung erbringt, muss von seiner Arbeit leben können. Hinter jedem Produkt stehen Arbeitszeit, Energie, Wissen, Ausbildung, Erfahrung und oft auch eine Familie.
„Geiz ist geil“ hat das Augenmerk nur auf den Preis gelenkt. Nicht auf den Wert. Nicht auf die Menschen. Nicht darauf, wie ein Betrieb seine Mitarbeiter bezahlen soll, wenn der Kunde nur noch den billigsten Preis akzeptiert. Das Ergebnis sehen wir überall.
Produkte, die mit Liebe, Sorgfalt und Qualität geschaffen wurden, gelten schnell als zu teuer. Hersteller und Handwerker werden als Wucherer dargestellt. Gleichzeitig werden minderwertige Produkte, Billigimporte und manchmal sogar Plagiate als tolle Schnäppchen gefeiert. Hauptsache billig. Hauptsache schnell. Hauptsache ich.
Das ist keine kluge Haltung. Das ist Egoismus auf Kosten anderer.
Wir leben im Überfluss. Kartoffeln kommen aus der Tüte. Brot kommt aus dem Regal. Alles ist jederzeit verfügbar. Gerade deshalb geht vielen Menschen das Wissen verloren, wie viel Arbeit dahintersteckt: Woher die Kartoffel kommt. Wie viele Arbeitsschritte für ein gutes Brot nötig sind. Welche Zutaten, welche Erfahrung und welche Energie erforderlich sind, bevor wir etwas ganz selbstverständlich in den Einkaufswagen legen.
Früher haben Innungen stärker auf Qualität, Ausbildung und handwerkliche Regeln geachtet. Sicher, das war manchmal kompliziert. Aber es hatte auch einen Sinn: Qualität sollte nicht dem Zufall überlassen werden. Das Handwerk sollte geschützt werden. Nicht gegen Menschen, sondern für Menschen – für Kunden, Beschäftigte und Betriebe.
Als Initiator der Wertegemeinschaft „Der faire Salon“ und langjähriges Vorstandsmitglied der Friseurinnung Düsseldorf weiß ich, wie viel Einsatz hinter solchen Gemeinschaften steckt. Oft werden sie für politische Fehlentscheidungen oder eigene Versäumnisse verantwortlich gemacht. Umso wertvoller ist es, wenn eine Innung wie hier ein Zeichen setzt.
Zusammenhalt, Miteinander, Liebe und Sorgfalt – das sind keine Begriffe von gestern. Sie sind nicht altmodisch. Sie sind das Fundament einer Gesellschaft, die nicht auseinanderfallen soll.
Wir reden heute oft über die Verwerfungen in unserem Land. Über fehlenden Respekt. Über Wut. Über Frust. Über das Gefühl, dass vieles nicht mehr funktioniert. Aber Verwerfungen entstehen nicht einfach so. Sie entstehen, wenn wir über Jahre den falschen Weg gehen:
Wenn nur noch billig zählt.
Wenn Leistung nicht mehr geachtet wird.
Wenn Qualität als überteuert gilt.
Wenn der Mensch hinter der Arbeit nicht mehr gesehen wird. Dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn am Ende Wertschätzung, Handwerk und Miteinander verloren gehen.
Der Erntedank-Gottesdienst in der Lambertuskirche war deshalb weit mehr als Tradition. Die Bäckerinnung Düsseldorf und Josef Hinkel haben gezeigt, wie wichtig es ist, wieder öffentlich für das Handwerk einzustehen. Stolz. Ohne falsche Bescheidenheit. Mit Herz und mit Haltung.
Vielleicht sollten wir wieder öfter Danke sagen. Und vielleicht sollten wir endlich wieder verstehen: Qualität kostet Geld. Aber fehlende Wertschätzung kostet uns am Ende viel mehr.
